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Der Kaffeebaum und seine Früchte
Botanisch gesehen gehört der Kaffeebaum weder zur Gattung der Bohnengewächse, noch ist er 'Wein des Islam', wie man das Getränk oft nannte. Der Kaffeebaum gehört vielmehr zur Familie der Rötegewächse, wie das in unseren Breiten bekannte Labkraut und der Waldmeister. Der Stamm ist glatt und gerade, sein Bau regelmäßig. Wildwachsende Kaffeebäume erreichen eine Höhe bis zehn Metern, die Sorte Liberica kann sogar 18 Meter hoch werden. Da die Bäume zur leichteren Ernte auf etwa drei Meter zurückgeschnitten werden, bezeichnet man sie auch als Sträucher. Die immergrünen Blätter sind lederartig, werden bis zu 30 Zentimeter lang und gleichen den Blättern des Zitronenbaumes und des Lorbeers. Der Duft der weißen Blüten erinnert an Jasmin.
 
Während der Reifezeit von etwa acht bis zehn Monaten verändern die Kaffeekirschen ihre Farbe von grün über gelb bis zu dunkelrot. Ausgereift sind sie ein bis zwei Zentimeter dick. Ihre Haut umschließt das gelbliche Fruchtfleisch, eine klebrige, leicht zuckerhaltige Masse, in welche zwei ovale Kerne eingebettet sind: die Kaffeebohnen. Die Bohnen sind der Länge nach eingekerbt und mit einer eigenen Hülle umgeben, dem sogenannten Silberhäutchen. Die Farbe von frischen Kaffeebohnen ist gelblich-grün bis schiefergrau, je nach Anbaugebiet, Behandlungsmethode und Sorte. Neben Theobromin, Theophyllin und anderen Stoffen enthalten sie je nach Sorte 0,7 bis 2,5 % Koffein, 10 bis 30 % Öl und 0,7 % Zucker sowie Gerbstoffe.
Die Arabica-Bohnen sind rundlich bis länglich, etwa einen Zentimeter lang und wiegen 0,15 bis 0,20 Gramm.
Die Robusta-Bohnen sind kleiner und fast rundlich. Innerhalb der über 60 Kaffeesorten haben nur zwei wirtschaftliche Bedeutung: Coffea arabica mit weltweit etwa zehn Milliarden Pflanzen und Coffea robusta mit circa vier Milliarden Pflanzen.
 
Zusammen liefern diese beiden Arten 98 % des weltweit erzeugten Rohkaffees. Coffea arabica mit seinen zahlreichen Unterarten wurde von den Europäern im Zuge der kolonialen Ausdehnung über die ganze Welt verbreitet. In seiner mutmaßlichen Heimat Äthiopien wächst er nach wie vor wild. Arabicas haben mit 0,8 bis 1,3 % relativ wenig Koffein, während der um die Jahrhundertwende in Zentralafrika entdeckte Coffea robusta davon zwei bis 2,5 % enthält. Der Geschmack von Robusta ist hart und bitter. Er hat weniger Aromastoffe und einen höheren Säuregehalt. Im Gegensatz zur anspruchsvolleren Arabica ist die Pflanze widerstandsfähiger gegen Schädlinge und ertragreicher. Robusta-Kaffee wird meist mit Arabica vermischt und dient zur ''Verlängerung'' bei der Herstellung von löslichem Pulverkaffee. Robusta ist heute vorwiegend in Westafrika und Asien beheimatet, während Arabica in Lateinamerika und Ostafrika wächst.
 
Im Norden Europas werden die Arabica-Sorten in verschiedenen Aufbereitungsformen bevorzugt, im Süden und Westen (Italien, Frankreich, Portugal) schätzt man daneben auch die Robusta-Kaffees. In Deutschland beträgt der Anteil der Robusta-Bohnen am Gesamtkonsum nur etwa elf Prozent. Kaffee gilt als ''Primadonna'' unter den Nutzpflanzen. Manchmal genügt schon der leichte Frost einer einzigen Morgenfrühe (wie gelegentlich in Brasilien), um Millionen Kaffeesträucher zu vernichten. Auch Hagel, Wirbelstürme, starke Trockenheit oder übermäßiger Regen bekommen den Pflanzen schlecht. Ideal sind durchschnittliche Temperaturen von 15 bis 25° Celsius mit nach Jahreszeiten geregelten Niederschlagsmengen von 1.500 bis 2.000 Millimetern. Humusreicher, lockerer Boden mit einem Grundwasserspiegel unter 3,5 Metern bietet gute Voraussetzungen für den Kaffeeanbau. Besonders geeignet ist Boden vulkanischen Ursprungs oder die Erde in gerodeten Wäldern. Allerdings ist dünne Humusschicht in ehemaligen Waldgebieten – wie das Beispiel Brasilien zeigt – nach wenigen Jahren ausgelaugt. Der verstärkte Einsatz von Düngemitteln wird dann erforderlich. Mit zunehmender Anbauhöhe gewinnt die Kaffeebohne an Qualität. In Brasilien liegen die Anbaugebiete zwischen 400 und 800 Meter über dem Meeresspiegel, in Kolumbien reichen sie bis auf 2.000 Meter hinauf. Der anspruchslosere Robusta-Strauch eignet sich auch für niedriger gelegene Anbauflächen und benötigt eine hohe Luftfeuchtigkeit während des ganzen Jahres.
 
Es gibt 76 kaffeeproduzierende Länder. Einige bauen ausschließlich für den Export an. Darunter sind solche, wo der Kaffeebaum im Vorgarten steht – wie bei uns der Kirschbaum -, und andere, in denen sich Kaffeeplantagen von Horizont zu Horizont erstrecken. Weltweit stehen heute auf 10 Millionen Hektar Anbaufläche (7,1 Millionen Arabica, 2,9 Millionen Robusta) fast 15 Milliarden Kaffeebäume. So hoch die Ansprüche der Kaffeepflanze an Klima und Boden sind, so viel Sorgfalt und Zeit braucht ihre Kultivierung. Auch unter günstigen Bedingungen sind Kaffeesamen nur rund zwei Monate keimfähig. Viele auf dem langen Seeweg in die Kolonien verfrachteten Saaten keimten deshalb nicht mehr. So ging man dazu über, in den botanischen Gärten Amsterdams oder Paris' aus den Samen Setzlinge zu ziehen, die den langen Schiffstransport leichter überleben. Nach vier Jahren trägt der Baum Blüten, ein Jahr später beginnt die erste Ernte. Die Haupterntesaison dauert beim Arabica-Kaffee etwa vier Monate, beim Robusta ein wenig länger. Mit Ausnahme der Großplantagen in Brasilien, wo Maschinen eingesetzt werden, erfolgt die Ernte von Hand. Ein Kaffeestrauch kann bis zu 40 Jahre genutzt werden. Die besten Ernteergebnisse werden allerdings bis zum 15. Jahr erzielt.
 
Die jährliche Erntemenge eines einzelnen Baumes ergibt ein knappes Pfund Röstkaffee. Im Weltdurchschnitt liegt der Ertrag je Hektar Anbaufläche bei 550 Kilogramm Rohkaffee, wobei die Spannweite von 300 Kilogramm in Äthiopien und Haiti, über 700 Kilogramm in Kolumbien, Kenia sowie Ruanda und bis zu 1.100 Kilogramm in Costa Rica und El Salvador reicht. Kaffee ist für viele Länder zum Schicksal geworden. Wo Kaffee, wie in Kolumbien oder Äthiopien, zu einem der wichtigsten Exportprodukte wurde, hängt nicht nur vom gesamtwirtschaftliche Wohl und von den Verkaufserlösen ab. Der Kaffee prägt Alltag und Lebensbedingungen von Millionen Menschen. Nur wenige sind durch Kaffee reich geworden.
 
Bis heute haben sich die Kaffee anbauenden Entwicklungsländer von ihrer Rolle als Rohstofflieferanten nicht lösen können. Die gewinnträchtigere Veredelung und Vermarktung kontrollieren wie zu Kolonialzeiten die Industrieländer. Sie könnten auf den Kaffee verzichten, die Entwicklungsländer nicht. Sie sind mehr oder weniger stark abhängig vom Kaffee-Export, der für sie eine wichtige Devisenquelle darstellt. Ohne harte Währungen können sie weder Maschinen noch Erdöl importieren – und ihre Schulden nicht bezahlen. Nur rund ein Fünftel bis ein Viertel der jährlich geernteten Rohkaffeemenge bleibt in den Erzeugerländern zum eigenen Konsum oder wird dort gelagert. Drei Viertel bis vier Fünftel werden ausgeführt – in der Regel als unverarbeitetes Produkt. Nur vier Prozent werden als löslicher und weniger als ein Prozent als gerösteter Kaffee exportiert. Daß so wenig verarbeiteter und gerösteter Kaffee ausgeführt wird, hat verschiedene Gründe:   
  • Die kapitalintensiven Anlagen zur Herstellung von Röstkaffee sind für viele der devisenschwachen Anbauländer zu teuer.
  • Damit Röstkaffee während des Transports sein Aroma behält, sind aufwendige Verpackungs- und Transporttechnologien notwendig.
  • Viele Industrieländer haben hohe Zollschranken gegen verarbeitete Kaffeeprodukte errichtet. Diese Importzölle erreichen oft das Drei- bis Vierfache der Rohkaffee-Zölle. In der Europäischen Union gilt eine differenzierte Regelung je nach Herkunftsland und Verarbeitungsgrad. Zumindest die Zölle für Rohkaffee sollen, so sehen es die Ergebnisse der GATT-Verhandlungen von 1993 vor, in den nächsten Jahren schrittweise und für alle Länder auf null gebracht werden.
  • Um die in den Verbraucherländern gewünschten Geschmacksrichtungen zu erlangen, müßten die Erzeugerländer selber Rohkaffee importieren und mit den eigenen Sorten mischen.
Die Bedeutung des Kaffees für die Anbauländer
Die Länder der Europäischen Union kaufen fast die Hälfte der Weltkaffee-Exportmenge auf, die USA importieren ein Viertel. Die westlichen Industrieländer spielen damit die tragende Rolle im internationalen Kaffeehandel. Die Kaffeeproduktionsländer sind dagegen ausnahmslos Entwicklungsländer: In Südamerika werden 48 %, in Zentralamerika 17, in Afrika 20 und in Asien 14 % produziert. Ein Prozent werden in Ozeanien angebaut. Wichtigstes Exportland mit etwa 30 % der Gesamtexporte ist Brasilien. Mit Abstand folgen Kolumbien, dann Indonesien, Mexiko, die Elfenbeinküste, Äthiopien, Indien und Guatemala. Die Entwicklungsländer, die Kaffee anbauen, sind vom Export dieses Produktes mehr oder weniger stark abhängig: Sie benötigen harte Währungen für die Einfuhr von Maschinen, Technologien und Know-how aus Industrieländern oder für den Import von Erdöl. Hinzu kommt: Viele Länder sind hoch verschuldet. Oft müssen sie 50 Prozent oder mehr ihrer jährlichen Deviseneinnahmen für Zinszahlungen und Tilgung der Kredite aufwenden. Kaffee steht somit im Zentrum der weltweiten Schuldenkrise, die vielen Entwicklungsländern die Luft abzupressen droht und ihnen jeglichen Entscheidungsraum für eine selbsttragende wirtschaftliche und soziale Entwicklung nimmt. Sie befinden sich in einer endlosen Abhängigkeitsspirale. Alte Schulden werden nicht selten durch neue Kreditaufnahmen finanziert.
 
Umschuldungsverhandlungen und die Streckung der Tilgungsraten zeugen von den verzweifelten Versuchen, mit dem Problem fertig zu werden. 1993 standen die Entwicklungsländer mit rund 1.700 Mrd. US-Dollar bei den Banken und Regierungen der Industrieländer in der Kreide. Eine Zinssteigerung auf dem Weltkapitalmarkt von nur 0,5 Prozent kostet die Entwicklungsländer zusätzlich etwa 14,75 Milliarden Dollar – fast doppelt so viel, wie die deutsche Entwicklungshilfe ausmacht. Ohne den Export von Kaffee könnten die Erzeugerländer wirtschaftlich nicht überleben. Uganda, Ruanda, Burundi, Äthiopien, Guatemala und El Salvador beziehen weit mehr als die Hälfte ihrer Deviseneinnahmen aus dem Kaffee-Export. In Kolumbien, Costa Rica, Nicaragua und Honduras, in Kenia, Tansania, Kamerun, Madagaskar und Zaire trägt Kaffee zu über einem Viertel zu den Exporterlösen bei. Der Anbau von Kaffee und sein Preis auf dem Weltmarkt entscheiden über das Wohl ganzer Staaten und ihrer Bevölkerung.             

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