Autor:
Franz Werfel

Erklärung des Titels:
Kleinbürger hießen ursprünglich jene Angehörigen des Bürgertums, die dessen unterster Schicht angehörten, wie Handwerker, kleine Kaufleute, Volksschullehrer u.ä.
Dass der „Tod eines Kleinbürgers“, der von den Großbürgern kaum beachtet wird, doch soviel Aufsehen erregen kann, zeigt diese Erzählung von Franz Werfel.

Schauplatz:
Wien

Zeit:
kurz nach dem 1.Weltkrieg

Zeitspanne:
ein paar Monate

Milieu:
Kleinbürgerschicht

Biografie:
Franz Werfel wurde am 10.September 1890 in Prag geboren. Er entstammte einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Prag und kam schon während seines Studiums in Prag, Leipzig und Hamburg mit den Dichtern des sogenannten Prager Kreises, wie Franz Kafka und Max Brod, in Berührung. Auf Wunsch seines Vaters arbeitete Werfel zunächst in einer Speditionsfirma und absolvierte seinen Militärdienst. Zwischen 1912 und 1914 war er als Verlagslektor in Leipzig tätig. Von 1915 bis 1917 nahm Werfel als Soldat am 1.Weltkrieg teil und lebte anschließend als freier Schriftsteller in Wien.

Seine frühen dramatischen Versuche im Sinn des Ideendramas blieben außerhalb expressionistischer Kreise ohne nennenswerte Resonanz. Bedeutung erlangte Werfel in erster Linie als Erzähler. Dabei bevorzugte er historische und biographische Sujets und Glaubenstraditionen, wie nicht zuletzt auch in seinen essayistischen Schriften zum Ausdruck kommt.
1929 heiratete Franz Werfel Alma Mahler, die Witwe Gustav Mahlers, und gewann als Autor zunehmend an Renommee. Wie für viele andere zeitgenössische Schriftsteller bedeutete die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 auch für Werfel den Ausschluss aus der Preußischen Akademie der Dichtung und den Gang ins Exil. 1938 emigrierte er zunächst nach Frankreich, zwei Jahre später nach spektakulärer Flucht in die USA, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte und unter anderem als Drehbuchautor in Hollywood sein Glück versuchte. Der Autor starb mit nur 55 Jahren am 26.August 1945 in Beverly Hills.

Inhalt:
Karl Fiala, ein frühzeitig pensionierter Beamter, lebt mit seiner Frau Marie, seinem an    Epilepsie leidendem Sohn Franz und seiner Schwägerin Klara in einer kleinen Wohnung in Wien kurz nach Ende des 1. Weltkrieges. Er schließt eine Versicherung ab, die ihm die Auszahlung einer beträchtlichen Summe Geld verspricht, wenn er das 65. Lebensjahr erreicht hat. Doch leider meint es das Schicksal nicht besonders gut mit ihm und er muss ein paar Wochen vor seinem 65. Geburtstag ins Krankenhaus eingeliefert werden, da die Ärzte diverse Krankheiten an ihm entdeckt haben. Mit der Zeit verschlechtert sich sein Zustand zunehmend, doch durch seinen starken Überlebenswillen schafft  es Karl Fiala bis zum 5. Januar, seinem Geburtstag, am Leben zu bleiben und somit die Versicherungssumme für seine Familie zu erhalten.

Personen:

Karl Fiala:
Bis zu seiner frühzeitigen Pensionierung am Ende des 1. Weltkrieges hatte der Mann ein gesichertes Einkommen um seine Familie zu ernähren. Die  Pensionierung ist auch der Grund, warum die Familie Fiala in eine kleinere Wohnung  ziehen muss. Karl Fiala war stets ein arbeitsamer Mann und übte seinen Beruf gewissenhaft und pflichtbewusst aus, bis er aus unbekannten Gründen vorzeitig in Pension geschickt wurde. Wie alle Menschen damals hängt auch er der Vergangenheit nach, die für ihn um einiges besser war. Dazu gehört auch sein täglicher Rundgang durch die Wohnung, bei dem er immer wieder am Bild seiner Verabschiedung vorbeikommt und dort seinen Gedanken an die gute alte Zeit nachhängt: „Das Bild ist ein Altar. Kraft und Freude strömt es aus.“ (Werfel, Franz; Der Tod des Kleinbürgers.1959 Philipp Reclam; S.8). Erst an dieser Stelle wird klar, wer die eigentliche Schuld an Fialas Pensionierung trägt. Nicht die schlechten Lebensbedingungen, Massenentlassung oder die Inflation waren der Grund dafür, sondern ein gewisser Herr Pech, der sein Protektionskind unterbringen wollte. Auf ihn ist Karl Fiala nicht besonders gut zu sprechen und auch später im Krankenhaus, als er schon kurz vor seinem Tode steht, hat er noch einen Traum, in dem Herr Pech eine große Rolle spielt.
Als er die Möglichkeit dazu bekommt, eine Versicherung abzuschließen, greift er natürlich gleich zu, obwohl man nicht so genau weiß, ob dabei alles mit rechten Dingen zugeht. Aber Herr Fiala muss nicht lange überlegen und unterschreibt diesen sofort, da er zu diesem Zeitpunkt schon weiß, dass er krank ist und nicht mehr lange zu leben hat, doch er will seine Familie absichern. Vor allem sein an Epilepsie leidender Sohn Franzl liegt ihm dabei sehr am Herzen, weil er sich im Klaren darüber ist, dass dieser sonst in eine Anstalt eingeliefert werden würde und er seinem Sohn dies unbedingt ersparen will: „Wenn das Letzte verloren ging, was würde dann die Zukunft sein, was würde aus der Frau werden, was aus dem Franzl!? Für Marie das Versorgungshaus in Lainz, für den Buben die Anstalt am Steinhof!“ (a.a.O.; S.5)
Dass seine Schwägerin Klara auch bei ihm in der Wohnung wohnt und er durch sie eine weitere Person hat, die es zu ernähren gilt, ist ihm im Grunde genommen nicht recht, was aber nicht daran liegt, dass er geizig ist und nicht gerne mit anderen das Wenige, das er besitzt teilt, sondern, weil sie ihm zutiefst unsympathisch ist: “Auch Herr Fiala hat Angst vor seiner Schwägerin. In der Nacht liegt er oft da und fühlt ein Grauen vor dem Weib nebenan in der Küche.“ (a.a.O.; S.11)  Doch er kann sich dagegen nicht zur Wehr setzen, weil in der Beziehung seine Frau Marie das Sagen hat, obwohl sie eigentlich nicht von dominanter Natur ist, aber Karl ist ein gutmütiger Mensch und lässt sie deshalb gewähren. Obwohl sie dafür ist, Franzl in eine Anstalt einzuliefern kann der Mann sich wenigstens hier durchsetzen:  “ Aber da versteht Herr Fiala keine Spaß, da kann er, der sanftmütige und Geduckte, zurückfinden in die grobe Rolle von ehemals. Hierbleiben wird der Franzl. Solange er selber noch Atem hat, wird er für den Buben sorgen, und wer weiß, auch noch länger.“ (a.a.O.; S.17)
Nachdem er den Vertrag endlich in Händen halten kann ist er sichtlich erleichtert und zufrieden: „ Denn Fiala fühlt sich durch das Schriftstück in seiner Tasche gerettet. Keine grausame Zukunft droht mehr, […]“ (a.a.O., S.23).
Da er selbst weiß, dass er nicht mehr lange am Leben sein wird, schickt er zuerst Franzl vor um zu sehen, ob noch ein Bett im Krankenhaus frei ist, bevor er selbst dorthin geht um sich hospitalisieren zu lassen. Da er schon damit gerechnet hat, ist es für ihn keine große Überraschung mehr, als dir Ärzte diagnostizieren, dass er krank ist und sterben wird.
Im Krankenhaus geht es Karl Fiala dann mit jedem Tag schlechter und jeder rechnet mit seinem baldigen Ableben, was daran deutlich wird, als er ins Sterbezimmer gebracht wird, wo er auf Schlesinger trifft, der nach dem Abschluss der Versicherung spurlos verschwunden ist. Doch im Gegensatz zu ihm hat Fiala das Leben noch nicht vollständig aufgegeben und kämpft darum, bis zu seinem 65. Geburtstag durchzuhalten, der Tag, an dem er endlich die langersehnte Versicherungssumme ausgezahlt bekommt. Nur dafür allein schafft er es so lange zu überleben obwohl ihn die Ärzte längst für tot erklärt haben und er erregt dadurch allgemeines Aufsehen bei der Bevölkerung, da so etwas noch nie vorgekommen ist.
Besonders wichtig für ihn sind der Abreißkalender und sein Stück Offiziersuniform, die er immer unter seinem Kopfpolster versteckt hat. Nur anhand dieses Kalenders kann er sich orientieren, wie lange er noch aushalten muss, um das dringend notwendige Geld der Versicherung zu erhalten. Das Stück Stoff ist ein weiteres Symbol für die Sehnsucht nach der Vergangenheit, in der sein Leben noch in geregelten Bahnen verlief und er sich um nichts zu sorgen brauchte.
Kurz vor seinem Tod träumt er nochmals von seiner Zeit als Beamter, als er die Aufgabe hatte, niemanden durchs Tor zu lassen, als plötzlich Herr Pech auftaucht, der aber keinen Passierschein hat und deshalb von Fiala nicht durchgelassen wird, obwohl er auch versucht, ihn zu bestechen. Man erfährt nicht genau, ob dies nur eine Erinnerung an die Vergangenheit ist, die er sich im Delirium zusammengeträumt hat, oder, ob dies eine tatsächlich stattgefundene Begebenheit in Fialas Leben ist. Diese Frage bleibt offen und ebenso, ob nicht seine Unbestechlichkeit der mögliche Grund war, warum gerade er von Herrn Pech, dessen Name äußerst vielsagend ist, entlassen wurde.

Marie Fiala:
Herrn Fialas Frau Marie musste  in ihrem Leben nie besonders viel arbeiten, da sie sich immer darauf verlassen konnte, dass ihr Mann genügend Geld nach Hause bringt um die Familie zu ernähren. Aus unbekannten Gründen, die auch im Laufe des Werkes nicht näher erklärt werden, hat sie ihre Schwester Klara mit ins Haus gebracht. Eine Möglichkeit wäre, dass sie Mitleid mit ihr hatte, weil Klara einsam war und niemanden hatte, der sich um sie kümmerte. Obwohl sie keine besonders resolute Frau ist, scheint es, als wäre sie trotzdem der dominantere Part in dieser Ehe. Doch wenn es zu Auseinandersetzungen mit Klara kommt, ist sie Marie diejenige, die kein Durchsetzungsvermögen zeigt. Sie hat direkt Angst vor ihr was der Satz: „Frau Fiala hat zwar vor ihrer Schwester Furcht, und solange das Wort nicht ausgesprochen war, hat auch sie sich des Allenseins mit ihrem Alten gefreut, aber jetzt ist sie leider in die ewige Verteidigungsstellung gedrängt. Denn Klara bildet das Streitobjekt zwischen den Gatten.“ (a.a.O.; S.11). An dieser Stelle merkt man auch deutlich, dass es ihr doch nicht so recht ist, dass ihre Schwester in derselben Wohnung lebt wie sie, da sie deshalb öfters Streitigkeiten mit ihrem Mann hat. Aber trotzdem verteidigt sie die Schwester mit allen Mitteln. Und auch hier weiß man nicht so genau, warum sie dies eigentlich tut. Entweder, weil sie es nicht übers Herz bringt Klara aus der Wohnung zu verbannen oder, weil sie sich sonst vor ihrem Mann eingestehen müsste, dass es Fehler war sie bei sich aufzunehmen.

 Sie kümmert sich nicht wirklich um ihren Sohn Franzl und würde ihn sogar in die Anstalt bringen, wenn da nicht Karl wäre, der dies jedes Mal zu verhindern weiß. Was aber nicht heißen muss, dass sie ihn nicht liebt, aber sie ist wahrscheinlich der Meinung, dass er dort ein leichteres Leben hätte als bei ihnen, da er aufgrund seiner Erkrankung keine Arbeit findet und von den Leuten verspottet wird.
Am Allerseelentag besucht sie mit ihrer Schwester den Zentralfriedhof, aber nicht etwa, weil sie so tief religiös ist, sondern, um sich abzulenken und die Leute dort zu beobachten, was vor allem der Satz: „Marie Fiala und Klara ließen sich durch nichts in ihrer aufgeregten Erwartungsfreude stören. Jegliches Gedränge liebten sie ja. Massenansammlungen versprachen immer wilde Schauspiele.“ (a.a.O.; S.29) deutlich hervorhebt.
Im Grunde genommen weiß sie es gar nicht zu schätzen wie gut es ihr eigentlich geht und wie viel Glück sie mit ihrem liebevollen Mann hat. Erst als dieser schon im Sterben liegt erkennt sie den wahren Grund, warum er krampfhaft versucht am Leben zu bleiben und sich nicht endlich dem Tod ergibt und den Qualen ein Ende macht: „ Etwas Ungeheures ging vor. Man konnte es gar nicht erdenken. Ihr Mann, der schon längst tot war, starb nicht. Wegen der Versicherung erzwang er das Leben. Ihretwegen, die ihn längst aufgegeben und vertan hatte!“ (a.a.O.; S.55).

Klara:
Von Anfang an erweckt Klara keinen guten Eindruck. Schon der erste Satz, in dem sie etwas näher beschrieben wird zeigt, dass sie eine eher unsympathische Person ist: „ Die Klara, das Luder, verköstigt sich in den Häusern, wo sie bedient.“ (a.a.O.; S.4). Aber was ist der Grund dafür, dass sie solch einen Charakter angenommen hat? Sie ist verbittert und vom Leben enttäuscht, und genau das spiegelt sich in ihrer Verhaltensweise den anderen Menschen gegenüber wider. Sie sucht direkt den Streit und die Konfrontation mit den Leuten, wahrscheinlich nur, um etwas Aufmerksamkeit zu erhaschen, die ihr dann auch zuteil wird, aber dabei hinterlässt sie einen schlechten Eindruck bei den meisten, was aber vor allem daran liegt, dass sie argwöhnisch und misstrauisch ist und immer alle anderen beschuldigt, ihr etwas stehlen zu wollen. Dabei handelt es sich um ganz banale und belanglose Dinge, die sie für wertvoll ansieht, wie beispielsweise der Vorkriegsspagat, den sie in einer Schachtel aufbewahrt hat, die ihr abhanden gekommen ist. Sie selbst fühlt sich von den Menschen ungerecht behandelt und sieht sich als das Opfer: „ Unter böse Menschen sei sie geraten. Lang werde sie´s nicht mehr aushalten. Es werde sich auch anderswo ein Schlafplatz finden. Keine Diebin sei sie, aber von Dieben allorts umgeben.“ (a.a.O.; S.22). Doch in Wahrheit ist sie die Diebin und diejenige, die sich auf Kosten anderer ein schönes Leben zu machen versucht: „ Kaum weiß sich Klara allein, so stürzt sie sich auf die Verstecke, wo sie die verschleppten Süßigkeiten mutmaßt. Beim ersten Zugriff sind sie entdeckt. Drei Bäckereien nimmt  sie vom Teller, eine lässt sie übrig. Ihren Raub aber versteckt sie in einer der vielen Sardinenbüchsen, die ihren Eigentumswinkel zieren. Dort wird auch dieses Gebäck vermodern, wie so vieles andere.“ (a.a.O.; S.22/23). Durch ihre Art macht sie den Menschen das Leben zur Hölle und merkt es noch nicht einmal, da sie egoistisch ist und nur auf ihr eigenes Wohl bedacht ist. Wie es anderen geht ist ihr vollkommen gleichgültig. Sie ist immer bösartig ihrer Schwester gegenüber, obwohl diese sie in Zeiten der Not bei sich aufgenommen hat und schikaniert sie wann sie nur kann, was in der Szene, als Marie ihrer Schwester die Polizze zeigt, deutlich zum Ausdruck kommt. Zuerst versucht sie noch selbst irgendwie an dieses Geld zu kommen, aber Frau Fiala wird misstrauisch und darum antwortet Klara voll Bosheit und Hohn in der Stimme: „Da! Glaubst du, ich will deinen Schmutz behalten! Kriegst ja eh nichts dafür!“ (a.a.O.; S.54). Und auch noch, als ihr Schwager gestorben ist, versucht sie Gewinn daraus zu schlagen: „ Klara, die so oft bemerkt hatte, dass die Hand des Gequälten etwas unterm Kissen suche, und die, wenn sie ein Traum nicht täuschte, einmal ein Goldstück hervorblinken sah.“ (a.a.O.; S.63). Sie greift unter den Polster, da sie sich etwas Wertvolles erwartet, wird aber von Franzl zurückgehalten, der sie genau beobachtet hat.

Franzl:  
Franzl ist Epileptiker und schon allein deshalb hat er es im Leben schwerer als andere Menschen in seinem Alter. Er ist ein einfacher und in sich verschlossener Mann, dessen Existenz in der harten Realität Wiens zu dieser Zeit noch problematischer ist als bei anderes Familienmitgliedern. Aufgrund seiner Arbeitslosigkeit ist er völlig auf seine Eltern angewiesen, die ihn auch in allem, was er tut unterstützen. Vor allem sein Vater ist sehr auf sein Wohl bedacht und versucht ihm das Gefühl zu geben, gebraucht zu werden. Ohne ihn würde er in eine Anstalt geraten. Trotzdem versucht er etwas gegen seine schwere Lage zu tun, auch wenn es eigentlich keine Sinn hat, da ihn sowieso niemand einstellen wird: „ Franzl ist müde. Den ganzen tag hat er sich vor Ankunftsorten für Arbeitslose und bei Stellenvermittlungen herumgetrieben. Er weiß, dass er keine Arbeit finden wird, dass all sein Umherstehen sinnlos ist. Aber die Zeit, die lange, böse, bringt er um damit.“
Er ist sich seiner Situation und der harten Realität durchaus bewusst und gibt trotzdem nicht auf um vielleicht doch noch irgendwann Arbeit zu finden.

Es ist gerade er, der die meiste Zeit am Bett seines kranken Vaters verbringt. Wenn sonst niemand da ist um sich um Herrn Fiala zu kümmern, ist Franzl da. Der Vater bedeutet ihm viel, da er der einzige ist, der an ihn glaubt und versucht, ihm das Leben so angenehm und schön wie möglich zu machen.
Auch Franzl ist Klara nicht besonders zugetan. Er ist wahrscheinlich der einzige, der sie und ihre Scheinheiligkeit durchschaut, was vor allem in der Szene deutlich wird, als Klara etwas unter dem Kopfpolster des Verstorbenen wittert aber Franzl sie aufhalten kann, obwohl es sich eigentlich nur um einen Kalenderblock und ein Stück eine Uniform, zwei wertlose Gegenstände, handelt. Doch irgendwie erkennt und fühlt er, dass diese zwei Dinge von  Bedeutung für seinen Vater waren und nimmt sie daher an sich. Trotz seiner schweigsamen Art war er der einzige, der Karl Fiala verstanden hat.

Problematik:
In seinem Werk „Der Tod des Kleinbürgers“ geht der Autor Franz Werfel besonders detailliert auf die Lage der Bevölkerung Wiens nach dem 1.Weltkrieg ein. Dies ist eine Zeit, in der die politischen und wirtschaftlichen Ereignisse sehr stark in das private Leben einfacher Menschen eingegriffen haben, da die immense Inflation allgemeine Armut verursachte. Die alte Weltordnung liegt in Trümmern. Nichts ist mehr so, wie es vorher einmal war. Das mühsam angehäufte Geld verliert an Wert und somit sind auch diejenigen davon betroffen, die früher angesehene Bürger waren. Auch Leute von Rang und Namen bleiben nicht von dieser weit um sich greifenden Welle der Armut verschont: „ Andern geht es schlechter. Wie viele liegen auf der Straße! Und Herrschaften, die unendlich höher standen als er: Offiziale und Majore! Was da geschehen ist in diesen Jahren, wer kann das verstehen?“ (a.a.O.; S.3). Aber auch der Protagonist der Erzählung, Karl Fiala, muss irgendwie mit dieser neuen Situation und der schweren Realität klarkommen. Doch im Gegensatz zu anderen hat er eine sichere Stelle in der Zeit, wo viele entlassen werden, und seine Familie muss nicht Hunger leiden. Aber trotzdem muss auch er sich durch die Inflation einschränken und in eine neue, kleiner Wohnung ziehen.

Auch die Plattheit des Alltags wird in diesem Werk verurteilt. Karl Fialas Bettnachbar Schlesinger ist das beste Beispiel dafür, wie die Banalitäten des Lebens einen Menschen zugrunde richten können: „ Herrn Schlesinger erfasste […] Tollwut […]. Denn dort im Nachbarbette lag nicht irgendein Herr Fiala, dort lag solch ein Schwächling wie er selbst, dort lag sein verpfuschtes Leben, dort lag der Misserfolg, dort lag die stickige Wohnung, der er selber nie entronnen war, dort lag das Elend, die Fessel, Sinnlosigkeit, dass alltägliche Ersticken.“ (a.a.O.; S.44). Doch auch mit dieser Ausweglosigkeit und der Frage nach dem eigentlichen Sinn des Lebens, wenn doch die alltäglichen Angelegenheiten so elend sind, muss man irgendwie klarkommen und sein Leben so gut es geht weiterführen.
Weiters zeigt diese Geschichte auch einen wichtigen menschlichen Charakterzug: Die Fähigkeit, sie in einer scheinbar ausweglosen Situation doch an eine Hoffnung zu heften, so winzig sie auch sein mag. Dieses Verhalten hat sich bei Karl Fiala besonders stark entwickelt, sogar so stark, dass ihm diese Fähigkeit in einem nahezu verlorenen Kampf die Kraft zum Sieg gab. Durch das Schriftstück, das ihm eine hohe Summe Geld nach Vollendung seines 65. Lebensjahres verspricht, gewinnt er immer wieder erneut Stärke um den Kampf gegen den näher rückenden Tod aufzunehmen. Bis zum Schluss hält ihn eigentlich nur noch der Gedanke an das Geld am Leben, das seiner Familie ausbezahlt werden soll, damit diese auch ohne ihn weithin so leben kann wie jetzt und nicht hungern muss.
Eine interessante Stelle ist die Szene im Krankenhaus, als Fiala in das Sterbezimmer gebracht wird, da man bei ihm schon bald mit dem Tode rechnet. Vor allem die Beschreibung der Atmosphäre in diesem Raum hat etwas Symbolisches: „ Wenn aber ein Gesunder in das Zimmer tritt und sieht die drei braungelb verschrumpften Antlitze, und hört diesen dreifachen Atem, einen Atem, der voll Arbeit ist, dann glaubt er plötzliche zu ahnen, dass die drei Atmenden an etwas nähen. Ja, ihr Atem ist der Faden, ein schwerer fetter Faden, sie bohren die Nadel in einen harten Stoff und ziehen den Faden durch diesen rasselnden, kreischenden Stoff. So nähen sie an ihrem Tode. Und dieser Tod ist ein Hemd oder ein sack, aus dem gröbsten, gemeinsten Stoff der Unsichtbarkeit gewoben. Stundenlang nähen sie, unermüdlich, gleichmäßig.“ (a.a.O., S.41) Für die Menschen, die „an ihrem Tode nähen“, ist fast nichts mehr aus ihrem bisherigen Leben wichtig, denn dieses Milieu des Sterbens nimmt sie auf und sie wissen, dass sie auch ihr Geld und Vermögen nicht vor dem Tod bewahren kann. Auch Herr Fiala wird davon regelrecht angesteckt, verfällt in einen lethargischen Zustand und nimmt seine Umwelt kaum noch bewusst war.

Form und Sprache:
„Der Tod des Kleinbürgers“ ist eine Erzählung des Schriftstellers Franz Werfel und in sieben Kapitel unterteilt. Größtenteils in Hochsprache verfasst vermittelt das Werk einen sehr ernsten Eindruck und erst beim näheren Hinsehen fallen einem eine gewisse Ironie und die unzähligen Metaphern auf, die der Autor hier verwendet. Beispielsweise die Szene, als Marie und Klara den Zentralfriedhof besuchen ist gespickt von metaphorischen Bildern, um nur eine Stelle zu nennen: „Und über der weiten flüsternden Fläche tauchten langsam, eins fürs andere die schwächlichen Lampen und Lichte auf, unzählige, ein geheimnisvolles Feuerwerk der Tiefe, eine zärtlich-mystische Illumination, dicht am Boden hinkriechend, Grubenlampen vor dem Eingang des Bergwerks, Irrlichter eitlen Erinnerns, zuckend im Qualm der Jahreszeit.“ (a.a.O.; S.31) Auch die feine Ironie beweist uns Franz Werfel auf dem Friedhof: „Auf dem Jahrmarkt der Toten, bei der gut frequentierten Herbstmesse der Seelen ging es hoch her, und dem und jenem Schwachmatikus mochte da ein Unfall zustoßen, so dass er das nächstemal sich nicht mehr unter den Feiernden fand, sondern bei den Gefeierten dort unten.“ (a.a.O.; S.30).

Epoche:
Die Darstellung Wiens zu dieser Zeit wird vom Autor ziemlich realistisch geschildert, weswegen man dieses Werk nicht eindeutig zu der Epoche des Expressionismus zählen kann. Es steht an der Grenze zwischen expressionistischer Gestaltung und dem späten reifen Realismus Werfels.

Die Hauptmotive expressionistischer Dichtung sind nicht grundsätzlich neu, weil sie nur neu gesehen und gestaltet werden. Der vereinsamte, leidende Mensch in seiner Ausgestoßenheit und Angst steht im Mittelpunkt. Häufig sind daher Gedichte über Wahnsinnige, Selbstmörder und Gefangene aus dieser Epoche zu finden. Die Untergangsstimmung hängt mit dem Motiv des Todes zusammen: vielfache Todessymbole wie Herbst, Winter oder Dämmerung prägen die Gedichte. In diesem Werk ist dieses Merkmal eindeutig in der Szene auf dem Friedhof vorhanden.
er Realismus wollte „das wirkliche Leben“ in seiner Vielfalt und seinen zeitbedingten Veränderungen darstellen, er lehnte daher alles Idealistische ab, etwa die Idee von der Freiheit der sittlichen Person und die Idee der reinen, schönen Form.  Die Realisten waren gegen jede die Wirklichkeit verfälschende Tendenz. Sie hassten das Pathos, da sie den Menschen in seinem Alltag, bei seiner bürgerlichen Arbeit, in seiner Familie so zeigen wollten, wie er „wirklich“ ist. Die realistischen Erzähler beziehen sich meist ganz konkret auf die Gegenwart, auf die Realität ihrer Zeit. Um Abstand von der Plattheit der Realität zu gewinne, rufen manche Realisten den Humor zu Hilfe. Der Humor nimmt dem Unbedeutenden seine Bedeutungslosigkeit, dem Bedrückenden seine niederziehende Wirkung.

Wirkung auf den Leser:
Dem Leser wird in dieser Novelle die wirtschaftliche Krise nach dem Ersten Weltkrieg vor Augen geführt. Er soll versuchen, sich mit der Person des Karl Fiala zu identifizieren und sich in dessen Lebenssituation einfühlen zu können. Wie ist es, wenn man es schwer hat, seine Familie zu dieser Zeit durchzubringen, wenn man weiß, dass man dem sicheren Tod ins Auge sieht und es trotzdem schafft, so lange zu leben, dass die Familie die Versicherung ausbezahlt bekommt? Die Menschheit soll sich ein Beispiel an dem alten Mann nehmen, der, nicht wie seine Leidensgenossen, uneigennützig handelt und sich nicht nur um sich selbst kümmert, sondern sich nur für den Erhalt und das Wohlergehen seiner Liebenden einsetzt.

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