Personen:
Da ist Enderlin, der Lila kennenlernt, als er ein Interview mit ihrem Mann führen will. Distanziert steht der Erzähler neben ihm, als sich die immer gleiche Geschichte des Näherkommens abspielt, die doch letztlich nie zu etwas anderem führt, als wieder älter geworden zu sein.
Da ist Svoboda, Lilas Ehemann, der spürt, wie ihm seine Frau allmählich entgleitet, und der sie gerade in seiner Verzweiflung um dieses Wissen dem Nebenbuhler Enderlin in die Arme treibt.
Und da ist Gantenbein, der sich hinter einer dunklen Sonnenbrille und einer Blindenbinde verschanzt. Nur in dieser Rolle ist es möglich, alles zu sehen und doch auf nichts reagieren zu müssen, zu leben in einem paradiesischen Zustand der Unschuld. Und nur in dieser Rolle scheint es möglich, Lila wirklich zu lieben, indem sie ermöglicht, über alle Schwächen hinwegzusehen, indem sie jede Eifersucht unterbindet, indem sie auch Lila erlaubt, ihrerseits vor dem Blinden eine Rolle zu spielen.
Erst mit der Aufgabe der Rolle des Blinden scheitert letztlich auch dieser Versuch der Nähe zu Lila. Was bleibt ist ein Puzzle an Möglichkeiten, eine Vielzahl von erlebten, erfundenen und gespielten Biographien, die letztlich doch alle vor der Realität resignieren müssen.
 
Inhalt:
Der Erzähler stellt sich einen Mann in Zürich vor, der bei einem Verkehrsunfall im Gesicht verletzt wird und zu erblinden droht. Nach einiger Zeit wird ihm der Augenverband abgenommen. Er sieht, aber er sagt es nicht und spielt von da an einen Blinden. Gantenbein kauft sich eine Blindenbrille und ein Blindenstöckchen.
Als er wie ein Blinder die Straße überquert, wird er beinahe überfahren. In einem unwillkürlichen Reflex hebt er seinen Stock auf, aber zum Glück schöpft niemand Verdacht, dass er vielleicht gar nicht blind ist. Die Blondine am Steuer des violetten Sportwagens heißt Camilla Huber. Sie fährt ihn nach Hause, und da sie in seiner Nachbarschaft lebt, lädt sie ihn ein, kurz mit in ihre Wohnung zu kommen.
Bei Camilla Huber handelt es sich um eine Prostituierte, aber sie gibt sich als Maniküre aus — und Gantenbein, der so tut, als glaube er das, wird ihr einziger Kunde auf diesem Gebiet. Während sie seine Fingernägel feilt, erzählt er ihr immer wieder neue Geschichten.
Dr. phil. Felix Enderlin, ein 41- oder 42-jähriger Intellektueller, der einen Ruf nach Harvard erhalten hat, sich aber nicht entschließen kann, das Angebot anzunehmen, steht an einer Bar und wartet auf Frantisek Svoboda. Statt Svoboda erscheint dessen Frau Lila, stellt sich vor und entschuldigt ihren Mann, er habe unerwartet nach London reisen müssen und könne deshalb die Verabredung nicht einhalten. Enderlin lädt die neue Bekanntschaft zu einem Drink ein. Sie ist eine berühmte Schauspielerin. Abends wollen sie gemeinsam in die Oper gehen, aber sie bleiben stattdessen die Nacht über in Lilas Wohnung.
Der Erzähler stellt sich vor, er sei Lilas Ehemann. Sie glaubt wie alle anderen auch, er sei blind. Gantenbein räumt immer wieder die Küche auf und spült das Geschirr. Lila mag das nicht. Also spült er nur noch so viel, dass sie zwar nichts merkt, aber dennoch immer ausreichend Geschirr vorfindet. Und wenn sie heimkommt, sitzt er demonstrativ im Schaukelstuhl und raucht eine Zigarre.
Er stellt sich vor: Lila betrügt mich (um dieses sehr dumme Wort zu gebrauchen) von Anfang an, aber sie weiß nicht, dass ich es sehe …
Wenn sie von Dreharbeiten nach Hause fliegt, holt er sie im Flughafen ab. Da sie glaubt, er sei blind, ahnt sie nicht, dass er beobachtet, wie sie jedes Mal von einem Mann begleitet wird — es ist immer derselbe –, der ihr das Gepäck trägt und sich dann mit einem Kuss von ihr verabschiedet, während Gantenbeins Hund Patsch schon an der Leine zerrt und winselt.
Einmal kommt sie allein. Wie immer zeigt sie ihre Freude über das Wiedersehen.
Das irritiert Gantenbein: Jeden zweiten Tag kommt ein Brief für Lila mit einer dänischen Briefmarke, die Adresse immer in derselben Handschrift. Ihr Mann unterschlägt zwei, drei dieser Briefe und überlegt, was er damit machen soll. Verbrennen? Nein. In einem Banksafe deponieren?
Als frühmorgens ein junger Mann läutet, ist sich der Erzähler sofort sicher, dass es sich um den dänischen Liebhaber handelt. Lila schläft noch. Ihr Mann führt den Besucher ins Schlafzimmer und weckt sie.
Er sperrt die beiden im Schlafzimmer ein und fährt eine Weile spazieren. Als er wieder zurückkommt, ist die Schlafzimmertür aufgesprengt, und die beiden sitzen im Wohnzimmer: Der junge Mann studiert Medizin, möchte aber zum Theater, und lässt sich nur von Lila beraten. Er ist "nach wie vor etwas verdutzt über die Bräuche in unserem Haus".
Eine Woche später verlässt Lila ihren Mann. Sie könne nicht länger mit einem Wahnsinnigen zusammen leben.
Ein Mann sitzt im Mantel in einer leeren Wohnung. Die Fensterläden sind geschlossen, die Polstermöbel mit weißen Tüchern abgedeckt, auf dem Rest Burgunder in der Flasche hat sich Schimmel gebildet und die Nahrungsmittel im Kühlschrank sind kaputt.
Eines Tages wird er verhört, ob er der Ehemann oder der Liebhaber sei. Schulterzucken.
Immer wieder schwankt der Erzähler: Ich bleibe Gantenbein. Aber ich bin nicht Svoboda. Bin ich Svoboda?
 
Kurzinterpretation:
Nicht das gelebte Leben interessiert den namenlos bleibenden Erzähler, sondern das Spiel mit den Möglichkeiten und die Erprobung verschiedener Identitäten. Die verschiedenen Rollen des "Ich" sind in einem gleitenden Wechsel: mal Ehemann, mal Geliebter, mal verlassener Ehemann. Rollen wie Enderlin und Svoboda werden im Laufe des Romans fallengelassen; die endgültige Entscheidung lautet: "Mein Name sei Gantenbein."
Der Roman hat als Thema die Verunsicherung von Identität und lässt den Leser mit der beunruhigenden Frage zurück: Wer bin ich? bzw. Wer sei ich?
 
Interpretation:
Dieser Roman ist eine neue, ungewöhnliche Version des einen Frisch’schen Grundthemas, nämlich des Problems von Rolle und Wirklichkeit. Er erfindet durch sein "Erzähler-Ich" viele Wirklichkeiten, viele mögliche Begebenheiten, und ebenso erfindet er mehrere mögliche Rollen für das "Ich" sowie für die Partnerin. Darum lautet der Titel nicht "Mein Name ist Gantenbein", sondern "Mein Name sei Gantenbein".
Was hinter der Blinden-Rolle des Gantenbein steckt, wird im Roman deutlich ausgesprochen, ich zitiere: "Immer wird Gantenbein sich eines besseren belehren lassen, um zu beweisen, dass er blind ist… Man wird ihm eine Welt vorstellen, wie sie in der Zeitung steht, und indem Gantenbein tut, als glaube er’s, wird er Karriere machen. Mangel an Fähigkeit braucht ihn nicht zu kümmern; was die Welt braucht, sind Leute wie Gantenbein, die nie sagen, was sie sehen, und seine Vorgesetzten werden ihn schätzen." Hier wird hinter der speziellen Intention des Blind-Spielens eine scharfe Zeitkritik sichtbar, welche die vielen, tatsächlich lebenden "Gantenbeins" aufs Korn nimmt.
Die Schlüsselsätze in diesem Roman sind: „Ich stelle mir vor“ oder „Ich probiere Geschichten an wie Kleider“.
 
Aufbau bzw. Gestaltungsprinzipien:
Der gesamte Roman spielt in der Ich-Erzählsituation, denn Gantenbein erzählt das Geschehen aus seiner eigenen Sicht.
Der Roman bietet eine unendliche Fülle von Randgeschichten, die das Wichtigste sind. Eine eigentliche "Story" gibt es nicht, da das erzählende "Ich" keine Geschichte, sondern nur eine Erfahrung hat.
Gantenbein passt nicht in herkömmliche Romanschemata. Deswegen ist es auch nicht möglich, etwa eine Handlung nachzuerzählen. Weil hier die Tagebuchform Pate gestanden hat, gibt es weder eine Dramaturgie noch eine logische Abfolge der Geschichten. Viele Fabeln sind ohne den Zusammenhang des Romans, gewissermaßen für sich stehend und auch allein, denkbar; andererseits fehlte dem Roman Gantenbein nichts Wesentliches, wenn die eine oder andere Geschichte fehlen würde. Ein Tagebuch kann auch in sich dramaturgisch logisch und konsequent sein; wenn aber Geschichten an- und ausprobiert werden, etwa mit der Frage: einmal sehen, was am Ende herauskommt und ob überhaupt etwas herauskommt, ist eine andere Dimension der literarischen Darbietung erreicht.

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